Veränderung? Welcome to the jungle der Gefühle

Veränderung? Welcome to the jungle der Gefühle

von | Feb. 11, 2026 | Allgemein, Methoden, Über mich

Wäre das Thema Veränderung ein Film, hätte er für mich die Kennzeichnung FSK 18. Denn Veränderung ist für mich manchmal bedrohlich, angsteinflößend und fühlt sich für mich so an, als wäre ich noch nicht reif dafür. Für mich dauert es auch, bis sich eine Veränderung gut anfühlt. Und trotzdem kann sie schon gut sein. Klingt komplex? Ist es auch.

Veränderung ist irgendwie ein Prozess der Gleichzeitigkeit. Vom gleichzeitigen Fühlen, das etwas schwierig ist, aber notwendig, sich dadurch etwas bewegt, und deshalb gut ist, sich aber noch behäbig und schwer anfühlt. Das beschreibt für mich den Prozess der Veränderung in seiner Anfangsphase, den ich gerade durchgemacht habe und den ich mit dir teilen möchte. Damit du Veränderung, falls sie mal wieder bei dir anklopft, besser annehmen und managen kannst.

Natürlich kann Veränderung auch beflügeln. Vor allem, wenn sie selbst gewählt ist, im Sinne von „das möchte ich jetzt“, z. B. wie ein neues Hobby. Aber manchmal stehen Veränderungen an, die sein müssen, weil man feststeckt und zugleich in der Luft hängt. So befindet man sich auch schon vor der Veränderung in einem Gefühl der Gleichzeitigkeit; das ist vielleicht auch ein Hinweis, dass sich etwas verändern soll.

Veränderung ist eine Zumutung

Die Speakerin, Autorin und Gründerin von Rebels at work, Anja Förster, trifft mit dem Wort „Zumutung“ und der folgenden Beschreibung den Schmerzpunkt:

„Die eigentliche Zumutung von Veränderung liegt nicht im Abschied. Sie liegt im Dazwischen. In der Phase, in der nichts greift. In der man nicht so genau weiß, was oder wer man ist. Es ist ein nicht leicht auszuhaltender Schwebezustand zwischen dem Altvertrauten und Noch-nicht-Vertrauten.“ Anja Förster

 

Vielleicht hast du schon mal von ihr gehört, gelesen. In ihrem Blogartikel „Warum viele Neuanfänge keine sind“ beschreibt sie Veränderung, die an der Oberfläche endet. Und zwar durch Muster – und das ist spannend, mit denen wir uns Veränderungen bequemer machen wollen; und damit wieder in alte Rollen schlüpfen. Das Ergebnis: eine Veränderung in Light-Version, die eine echte Veränderung blockiert.

Mich hat jetzt allerdings eine Veränderung dazu gezwungen, alte Muster abzulegen und das ziemlich brachial. Denn die Veränderung hat mich in ein komplett neues Umfeld katapultiert, in dem meine Muster nicht greifen konnten. Ein Umfeld, das auch nicht wirklich zu meinem Naturell passt. Es fühlte sich an wie ein Sprung vom 5-Meter-Brett. Bloß ohne geschmeidige Landung ins Wasser, wie ein Fisch, der durch die Wasseroberfläche flutscht. Stattdessen wie ein Brett, das knallhart auf die Oberfläche klatscht. Ich konnte dieser Veränderung nicht ausweichen. Sie musste sein.

Die berufliche Situation für Solo-Selbstständige ist gerade nicht rosig, vor allem in Bereichen, die gerade mit Text und Grafik zu tun haben. Auch für diejenigen, die gerade einen neuen Job suchen und in jenen Bereichen angestellt waren. Es ist eine anstrengende Übergangsphase. Eine Phase, in der man sich zuweilen auch neu erfinden muss.

„Wenn wir warten, bis wir bereit sind, werden wir für den Rest unseres Lebens warten.“
Lemony Snicket

Mein Sprung vom 5-Meter-Brett ist der Sprung in einen Minijob

Klein, aber extrem herausfordernd; zumindest war das in der Anfangsphase so. Nach über 14 Jahren Selbstständigkeit (im August 2026 werden es 15 Jahre), einer Zeit, in der ich seit jeher selbstbestimmt arbeite, meine eigene Chefin bin und mehrere Rollen ausfülle, von der Kund:innenbetreuerin, der Texterin, der Kreativdirektorin, der Strategin und der Buchhalterin, finde ich mich in einer Position wieder, die fremden Erwartungen und Dynamiken ausgesetzt ist; an einem Ort, der keinen Rückzug, kein Abwarten zulässt, sondern vollkommene Präsenz fordert.

Ich bin als eher introvertierte, sensible Person, die gerne in Ruhe und vor dem Laptop arbeitet, im Einzelhandel gelandet wie ein Mensch auf einem anderen Planeten. Um genauer zu sein: in einer Buchhandlung an der Kasse. Das habe ich auch bewusst so gewählt. Denn mir war es wichtig, dass ich mich wenigstens mit der Umgebung und dem Produkt verbunden fühlen kann. Es ist auch eine meiner Buchhandlungen des Vertrauens.

Das Schöne ist, dass ich hier ich auch eine meiner Stärken ausleben kann: die Kommunikation. Es sind vor allem die kleinen Momente mit den unterschiedlichsten Menschen. Ein kurzer Austausch an der Kasse zum Buch, zu Dingen, die für die Kund:innen noch anstehen, die Frage, ob die unkonventionelle Karte auch als Trauerkarte durchgeht oder das Kinderbuch für den an Demenz erkrankten Ehemann das richtige ist. Dadurch öffnet sich ein schmaler Spalt, der einen Blick in das Leben der Menschen freigibt wie ein geschlossener Vorhang, durch den ganz kurz das Licht blitzt.

Ich nutze im Hintergrund, was ich gut kann: beobachten und wahrnehmen

Der Platz hinter der Kasse kommt mir manchmal auch vor wie der Ort einer Feldforschung. Ich bin live bei sozialen Prozessen und menschlichem Verhalten dabei: Mutter zum Kind: „Nein, leg das Buch hin, dafür bist du noch zu klein.“ Das etwa dreijährige Kind antwortet resolut: „Mama, aber ich bin schon groß, ich habe schon eine Unterhose an!“. Herrlich. Ich liebe dieses Argument; und höre es in meiner Fantasie aus dem Munde eines frustrierten Managers, dem das neue Kundenprojekt verweigert wird.

Auch ist die Umgebung ein Ort der Inspiration: Denn wenn es ein Buch gibt, das da heißt „Hurra, ich komme zur Schule“, sollte es auch ein Buch geben wie „Hurra, ich komme aus der Schule“, als Orientierungshilfe für alle Schulabgänger:innen.

Die Buchhandlung ist auch ein Ort, der Fragen zu unserem Wirtschaftssystem aufwirft. Wenn es Kinder traurig macht und sie zum Weinen bringt, weil sie etwas nicht haben dürfen und sie sich besser fühlen, wenn sie es dann besitzen, dann frage ich mich, was das mit uns Menschen macht, wenn wir mit diesem Gefühl groß werden; und was wir ihm entgegenstellen können, um uns nicht in diese Abhängigkeit zu manövrieren.

Die Veränderung geht weiter – und verändert sich

Zeit zum Reflektieren: An welchem Punkt stehe ich gerade? Spontan fällt mir dazu der Buchtitel „Leben, schreiben, atmen“ von Doris Dörrie ein, der meinen aktuellen Gefühlszustand ganz gut trifft.

Ich kann mich nach Monaten des Aushaltens, Neuanfangens, Einfindens, Überwindens und Dazwischenseins endlich wieder fokussieren. Auf die Pläne für meine Selbstständigkeit, das Schreiben. Und ich kann wieder durchatmen. Ich habe mich langsam an die Veränderung gewöhnt. Sie hat sich mittlerweile verändert. Nach einer heftigen Wildwasser-Rafting-Tour kehrt jetzt wieder etwas Ruhe ein. Habe ich mich verändert? Ich kann nur so viel sagen: Ich habe das Ruder in die Hand genommen. Und das fühlt sich gut an.

 

Was hilft dir, gut durch eine Veränderung zu kommen?

Manchmal schlittern wir unkontrolliert in die Veränderung rein wie mit Schlittschuhen und zu viel Tempo aufs Eis. Dann braucht es seine Zeit, bis man wieder sein Gleichgewicht gefunden hat. Hast du mal beobachtet, was dir geholfen hat, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren?

 

Meine 4 persönlichen Tipps, wie du gut durch eine Veränderung kommst

 

 1. Tipp in einer Phase der Veränderung: Schreiben

Schreiben ist für mich das Mittel schlechthin, um Gedanken und Gefühle einzuordnen. Schreiben hilft einfach immer – angefangen bei den kleinsten Alltagssituationen wie dem Schreiben von Listen über das Planen von Projekten und Zielen bis hin zur Vergangenheitsbewältigung. Schreiben hilft, sich klar zu werden, indem man alles aus dem Kopf schreibt und von der Seele runter. Das zeigen auch diverse Studien zum Thema Tagebuchschreiben und Journaling, dem regelmäßigen Reflektieren. Was runtergeschrieben ist, ist erst mal raus. Und das ist eine Wahnsinnserleichterung. Probiere es aus! Und das muss auch nicht täglich sein, sondern immer, wenn dir danach ist.

 

2. Tipp in einer Phase der Veränderung: Schlafen

Klingt banal. Und ist so immens wichtig. Wenn wir gestresst sind, ist unser Nervensystem überreizt. Wenn wir uns in neuen, ungewohnten Situationen befinden, müssen wir alles, was da so auf uns einprasselt, verarbeiten. Und das tun wir unter anderem im Schlaf. Wir brauchen diese Erholung. Wenn wir gestresst sind, versuchen wir das gerne oft mit Dingen zu kompensieren, die uns gar nicht so guttun wie mit ungesundem Essen, Alkohol oder mit Ablenkung durch Fernsehen, Social Media. Dabei sind wir einfach nur müde und brauchen dringend eine ordentliche Portion Schlaf. Was machst du üblicherweise, wenn du gestresst bist?

 

3. Tipp in einer Phase der Veränderung: Sich Gutes tun

Zu meinem Tipp Nummer drei gehört auf jeden Fall auch schlafen. Und alles, was dir guttut. Vielleicht ist das ein Buch lesen, einen Podcast hören, Bewegung, kreativ sein. Und was uns leider oft nicht bewusst ist: gutes Essen. Essen wirkt so vielfältig auf uns – und je nach Lebensmittel eben gut oder nicht so gut und es ist ein echter Gamechanger für unser Wohlbefinden, vor allem in stressigen Phasen.

Wenn wir gestresst sind, wollen wir oft zu etwas Salzigem wie Chips oder zu Süßigkeiten greifen. Essen hat einen großen Einfluss auf unsere Psyche. Hierzu gibt es auch neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft. So können wir mit bewusstem und gesundem Essen unsere Stimmung beeinflussen, auch in depressiven Phasen. Im Ayurveda ist der Zusammenhang von Essen und Stimmung schon längst bekannt. Wissenschaftlich belegt ist die indische Heilkunst nicht. Dafür wird der Darm und alles, was damit zusammenhängt, wie das Immunsystem und eben auch die Psyche, immer mehr erforscht; was sehr erfreulich ist und ich persönlich sehr spannend finde.

 

4. Tipp in einer Phase der Veränderung: Darüber reden

Reden hilft, auch wie schreiben, immer. Ich schleppe oft viel zu lange Dinge im Kopf mit mir rum, will erst mal viel mit mir selbst ausmachen, bis ich dann das Gespräch suche. Doch es ist immer so hilfreich und wohltuend, wenn da jemand ist, der dir zuhört, dich und deine Sorgen wahrnimmt und mit seiner Perspektive oft überraschende Beobachtungen macht, die deine Sicht auf die Dinge verändern, relativieren und erhellen.

 

Resümee

Wie so vieles im Leben braucht die Veränderung Zeit, Akzeptanz, Aufmerksamkeit, Ruhe und ist nie losgelöst von allen anderen Gegebenheiten und Prozessen, die nebenher weiterlaufen. In der Anfangsphase betrachtet man eine Veränderung wohl eher isoliert, weil man sie nicht wahrhaben will. Insofern hilft es, wenn Veränderung Stück für Stück integriert wird, indem man sich mit ihr auseinandersetzt – durch Schreiben, Reden und Energie tanken.