Mehr Perspektiven, bessere Lösungen: Warum sich die Welten, die uns voneinander trennen, regelmäßig treffen sollten

Mehr Perspektiven, bessere Lösungen: Warum sich die Welten, die uns voneinander trennen, regelmäßig treffen sollten

von | Jan. 26, 2026 | Allgemein, Methoden

In meiner Kindheit gab es da diesen Nachbarn. Er war Historiker und auf seinem Gebiet ein angesehener Professor. Er wohnte unter uns und lud meinen Vater regelmäßig zu sich ein, um sich mit ihm zu unterhalten; gerne bei ein, zwei Schoppen fränkischen Wein. Mein Vater war als Angestellter im Fensterbau tätig und Kunstglasermeister. Ich habe mich immer gefragt, über was sie sich wohl unterhielten. Und mein Vater antwortete mir mal und sagte „Über Gott und die Welt“; und damit meinte er auch die Welt des jeweils anderen.

Hochschule trifft Handwerk. Das waren in der Tat zwei unterschiedliche Welten, die sich da regelmäßig begegneten. Zwei Menschen, die neugierig und offen waren, und die sich für das Leben des anderen interessiert haben. Das wünsche ich mir auch im beruflichen Kontext. Das ist meine Vision für ein zukünftiges, gemeinsames Miteinander und Arbeiten.

 

Aus dem Rahmen fallen und denken bringt uns weiter

Aufgrund meiner schulischen Laufbahn (kein Abitur), meines beruflichen Werdegangs (kein Studium, sondern Quereinsteigerin), meines familiären Hintergrunds (Arbeiterkind, dysfunktionale Familie) habe ich mich oft, wie soll ich sagen, nicht zugehörig, nicht richtig, unzureichend, nicht am richtigen Ort gefühlt. Erst in der Selbstständigkeit habe ich immer mehr zu mir gefunden und erkannt, dass mein Background goldwert ist.

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass mein beruflicher wie auch persönlicher Hintergrund in Kombination mit meiner Arbeit als Kreativschaffende in vielen Bereichen sogar zwingend notwendig ist. Genauso wie jener vieler anderer Menschen. Weil wir mehr Perspektiven und andere Blickwinkel brauchen, damit wir neue Wege erkennen und Lösungen finden können. Und wenn wir das noch größer denken wollen: den aktuellen Herausforderungen gewachsen sind und sie gestalten können. Zusammen. Und zwar nur so. Mit unseren unterschiedlichen Erfahrungen, Prägungen und Perspektiven.

So wäre es auch wünschenswert, wenn in Bewerbungsprozessen nicht immer auf einen stringenten Lebenslauf geachtet wird. Dass Quereinsteiger:innen viele Vorteile für Unternehmen mitbringen, ist kein Geheimtipp mehr. Neben der frischen Perspektive von außen, dem Sinn für neue Ideen, punkten sie mit Motivation und Wissbegierde.

Eine Person, die sich in ihrem Gebiet auskennt, hält sich zwangsweise in einem gewissen Rahmen auf und grenzt sich dadurch zugleich ein. Das liegt in der Natur der Sache, ist zum Teil auch notwendig, weil es der Fachexpertise dient und der Tiefe, die man dadurch erlangt.

Jemand, der sich außerhalb dieses Fachgebietes befindet, hat einen ganz anderen Blick auf die Themen innerhalb dieses Gebietes, dieses Rahmens und das ist ein Gewinn. Für den Prozess. Für das Ergebnis. Und für die Menschen, die beteiligt sind.

Somit sollten z. B. Teams, ob sie forschen, beraten, begleiten, oder projektbezogen miteinander arbeiten, je nach Thema meiner Meinung nach immer so heterogen und vom Background so vielfältig wie möglich zusammengestellt sein. Sich nicht nur interdisziplinär aufstellen, sondern auch transdisziplinär und kooperativ mit Menschen aus der Praxis und aus komplett anderen Bereichen zusammenarbeiten. Stichwort „branchenübergreifende Zusammenarbeit“ sowie „Ko-Kreation“.

Doch auch im Hinblick auf die verschiedenen Bildungswege ist es meines Erachtens unabdingbar, dass sich die Menschen zusammentun, austauschen und ihre unterschiedlichen Perspektiven teilen. So habe ich in Gesprächen mit Personen, die die ersten in der Familie sind, die studieren, erfahren, dass sie anders denken und einen ganz anderen Blick auf das Leben und Arbeiten haben als ihre Mitstudierenden, die aus einem akademischen Haushalt kommen.

Das, was uns offensichtlich trennt, ist wie das Gartenbeet, an dem wir gemeinsam arbeiten, wachsen und womit wir gute Lösungen entwickeln können

Ich bin natürlich nicht die Einzige und Erste, die den Sinn und den Wert hinter „Perspektivenwechsel von außen“ erkannt hat. Vor über zehn Jahren bin ich über den Begriff „Zero-Gravity-Thinker“ gestolpert. Und ich war begeistert. Denn dahinter versteckt sich die Kraft von „Nicht-Expert:innen“. Diesen Begriff prägte die Autorin Cynthia Barton Rabe, die das Buch „The Innovation Killer“ geschrieben hat. Sie war als Marketingleiterin für Technologie- und Konsumgüterunternehmen tätig, bevor sie Zero-G gründete, eine Beratungsfirma für Innovation und Strategie. Über Ihre Erfahrung in Unternehmen sagt sie:

 „Die längere Anwesenheit einer außenstehenden Person, die nicht durch die Konventionen der Fachwelt eingeschränkt war, wirkte wie eine Hyperstimulation für kreative Ideen, die tatsächlich umgesetzt werden konnten. Filter wurden weniger einschränkend. Eine andere Perspektive suggerierte alternative Wege. Innovatives Denken blühte auf.“
Cynthia Barton Rabe

In Hamburg bindet die Hamburg Kreativ Gesellschaft mittlerweile Kreativschaffende in unternehmerische Innovationsprozesse ein und fördert damit sowohl die branchenübergreifende Zusammenarbeit als auch das Potenzial der Menschen aus kreativen Berufen.

Auch diverse Universitäten arbeiten inter- sowie transdisziplinär und bringen Forschende aus verschiedenen Disziplinen an einen Tisch und vernetzen durch Formate auch Menschen aus Hochschule, Zivilgesellschaft und Sozialunternehmen. Doch ich meine: Da geht noch mehr. Mehr Vielfalt. Mehr Austausch. Mehr Teilhabe. Mehr Mut.

Die folgenden Zeilen des renommierten Musikproduzenten Rick Rubin führen das, was ich meine, gut zusammen. Sie stammen aus seinem Buch „kreativ. Die Kunst zu sein.“:

„Die Vorlagen der Vergangenheit könnten in den Anfangsphase inspirierend wirken, aber es ist hilfreich, über das bereits Vorhandene hinauszudenken. Die Welt will nicht noch mehr von ein und demselben. Häufig stammen die innovativsten Ideen von denen, die die Regeln so gut beherrschen, dass sie sie sehen können, was dahinter liegt oder von denen, die sie überhaupt nie gelernt haben.“  Rick Rubin

Wir brauchen immer beides: diejenigen, die sich mit der Materie auskennen und diejenigen, die von außen dazukommen

Dieses „nie gelernt haben“, greift auch die Autorin Kate Raworth in ihrem Buch „Die Donut-Ökonomie“ auf. Darin konzipiert sie ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. Was eine große Herausforderung ist. Denn alles, was wir über das jetzige Wirtschaftssystem wissen, grenzt uns ein, ein neues Wirtschaftssystem zu denken, es uns vorstellen zu können und neu zu gestalten.

Doch genau das brauchen wir: Menschen, die sich über vorhandene Systeme hinaus etwas vorstellen können, weil sie eben nicht aus dem Bereich kommen, der sich ständig damit beschäftigt, sodass wir Lösungen finden für unsere heutigen Probleme und vor allem positive Zukunftsbilder.

Am Ende sitzen wir alle in einem Boot. Warum nicht gleich von Anfang an?

 

Beispiele für branchenübergreifende, ko-kreative Zusammenarbeit

Anbei zwei Beispiele der Hamburg Kreativ Gesellschaft, die Unternehmen mit Kreativschaffende zusammenbringt sowie ein Beispiel der Universität Hamburg für ein transdisziplinäres Festival:

Beispiel 1: So kann Co-Creation die Zusammenarbeit in Behörden verbessern

Beispiel 2: tesa: Produktentwicklung im Cross Innovation Lab

Beispiel 3: Campus meets Community Festival

Wo finden Unternehmen, Organisationen, Hochschulen nun Menschen, die ko-kreativ und branchenübergreifend arbeiten möchten?

Darauf habe ich, auch für mich, keine zufriedenstellende Antwort. Neben der Hamburg Kreativ Gesellschaft und dem Team Co-Creation & Engagement der Universität Hamburg gibt es noch das kreHtiv Netzwerk, das im Raum Hannover für die Kreativ- und Kulturwirtschaft tätig ist und Ko-Kreation und damit Cross Innovation ermöglicht.

Ich selbst bin immer wieder auf der Suche nach Selbstständigen sowie Projektteams, die offen für Ko-Kreation und der Unterstützung von außen sind. Ich gehe auf diverse Netzwerktreffen, online wie offline, sowie initiativ auf Unternehmen zu und nutze Formate, die zum Thema veranstaltet werden. Doch es fühlt sich manchmal an wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Es müsste noch mehr Formate geben, bei denen sich Interessierte treffen, austauschen und finden können. Die oben genannten Institutionen können das nicht alleine wuppen. Vielleicht sollten interessierte Organisationen selbst aktiv werden und Räume dafür öffnen.

Denn ob Unternehmen, Behörde, Hochschule – der Bedarf an neuen Perspektiven, Lösungen und Ideen ist da. Austausch und Zusammenarbeit bringen uns weiter. Und nicht nur Kreativschaffende sind ein wichtiger Teil davon. Zum Beispiel kann auch eine Sozialpädagogin mit ihrem Blick auf ein Themengebiet, das ihr fremd ist, einen wichtigen Hinweis auf neue Lösungswege geben. Es lohnt sich immer, eine Perspektive von außen dazuzuholen. Davon bin ich überzeugt.

 

Du wünschst dir eine frische Perspektive auf dein Thema, dein Projekt?

Ich bin für dich da. Als kreative Sparringspartnerin unterstütze ich dich mit Ideen, Struktur und mache abstrakte Gedanken greifbar. Damit du Klarheit findest und die nächsten Schritte sichtbar sind.

Ich freue mich auf dich!